{Adventskalender} 12. Dezember

12. Dezember: Heute habe ich wieder eine Geschichte für euch. Viel Spaß beim Lesen!

Es ist inzwischen kaum merklich fast ein Jahr her, dass das kleine Kerlchen bei mir ist. Draußen ist es kälter geworden und kaum ein Wimpernschlag war vergangen, so war der Frühling auch schon zum Sommer übergegangen und nun ist es Winter.

Dezemberanfang.
Die Temperaturen werden bald den Nullpunkt erreichen, die Bäume sind wieder kahl geworden und die erstenWeihnachtsmärkte schon eröffnet. Nicht mehr lange und der erste Schnee in diesem Jahr wird auch zu uns finden.
“Meow?”, kommt es von dem Katerchen auf zwei Beinen. Der Junge steht vorm Fenster, seine Ohren gerade aufgerichtet und auf Zehenspitzen. Ich blicke von meinen Aufzeichnungen und dem “Grundsatz der Astronomie” auf und folge seinem Blick hinaus.
Das Fenster ist beschlagen, aber ein kleines Stück ist sauber gewischt und durchsehbar geworden.
Noch Ende November haben die anderen mich dazu gedrängt schon mal die Weihnachtsdekoration aufzuhängen, aber gerade muss ich zugeben, dass es wirklich ein wenig gemütlicher geworden war, mit den Zweigen, der Zimtrinde, der Lametta und der gedämmten Helligkeit der Teelichter im Raum, welche neben meiner Stehlampe am Sofa diesen als einziges erleuchten.
Ganz zu Schweigen von den Leuchtsternen, die sie mir zugesteckt haben an die Wände zu kleben.
Naoto, das kleine Kerlchen, ist ganz begeistert von ihnen, wie sie in der Dunkelheit so leuchten.
Ich schmunzele. Was den Nao nicht alles so begeistert. Seit der Kleine hier ist es sehr viel lebendiger in dieser Wohnung geworden. Es ist zwar nicht lange her, dass ich damals in die Wohnung eingezogen bin, aber es war so… still in ihr, bis Naoto noch als kleines Katzenbaby dem Ganzen hier Leben einhauchte. Wohl etwa ein halbes Jahr später nach seiner Aufnahme fand ich ihn dann so, vollkommen unbeholfen in menschlicher…
Na, kümmern wir uns nicht darum.
Ein vollkommen menschlich aussehender Junge bis auf die Katzenohren und dem Puschelschwanz, sagen wir so etwas wie ein Katzenmensch.
Jedenfalls ist er nun hier. Und das ist das Wichtigste. Er kommt mir schon fast wie ein kleiner Bruder vor. Seine Anwesenheit beruhigt mich, ein warmes Gefühl breitet sich stets in mir aus.
Gedankenverloren starre ich in die Leere bis mich Naotos “Mori?” mich zurückholt. Er neigt den Kopf leicht zur Seite und beobachtet mich. Ich muss wohl eine ganze Weile weg gewesen sein. Kurz blickt er wieder hinaus. “Mori! Mori! Da draußen fällt etwas Weißes, das wie Zuckerwatte aussieht vom Himmel. Kann man das essen?”, fragt der Kleine unschuldig. Unwillkürlich muss ich anfangen zu lachen. “Ich glaube nicht, dass Schnee speziell zum Essen gedacht ist.” Ich nehme meine Brille ab und setze das Buch auf dem Beistelltisch vor mir ab, erhebe mich vom Sofa und kniee mich neben ihn ans Fenster. Tatsaächlich… Der erste Schnee.
“Schnee? Was ist Schnee?” Erwartungsvolle Augen. Wo ich das bedenke… Wie soll ich einem äußerlich fünfjährigen Jungen und tatsächlich innerlich einjährigem Kater sagen, was Schnee ist, ohne dass ich ihn nur als gefrorenes Wasser- und Luftgemisch abstempele? Was würde ich bloß dafür geben, wenn meine Mutter jetzt hier wäre. Sie hätte die Antwort sicherlich gewusst, was sie mir wohl bei meinem ersten Schneefall erzählt hat?
Ich hocke mich hinter Naoto und setze meine Hände an seine Schultern, schaue in den Nachthimmel hinauf, wolkenbedeckt natürlich.
“Na ja, Schnee ist… kalt. Und gleichzeitig ganz warm.”, fing ich an, sehe ihm von der Seite in die Augen. Ach, was rede ich da überhaupt? “Kalt und warm gleichzeitig?”, seine Augen leuchten förmlich. “Nein, nein, also… Wie soll ich das erklären? Er ist zwar kalt, aber er macht dir da drin…”, setze ich wieder an, wende mich zu ihm und tippe ihm an seine Brust, “Da drin macht er dir ein ganz warmes Gefühl, weißt du? Schnee ist nämlich nicht einfach Schnee und Schnee gibt es nur im Winter.” Der Kleine kichert und nimmt meine noch immer ausgestreckte Hand und rubbelt seine kleinen Hände an die meine. Sie sind ganz warm, geradezu glühendheiß. Er nimmt die andere Hand mit in die Mitte seiner Hände. “Deine Hände sind so kalt, Mori!”
“Oh, stimmt”, füge ich dem bei.
Das ist mir gar nicht aufgefallen. Verwundert blicke ich die kleinen Hände an, die so bemüht damit sind, die Kälte in meinen Fingern aufzutauen. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. “Pff… Was dir so auffällt”, rutscht es mir raus. “Ist dir denn gar nicht kalt?”, kommt es von ihm. Ich löse eine meiner Hände und tätschle seinen Kopf, wuschele durch seine Haare.
Genauso fluffig wie sein Fell es war.
Ich verspüre das Bedürfnis, ihn fest an mich zu drücken… und als er anfängt zu schnurren, schrecke ich aus meiner Starre auf, wie lange tätschle ich ihm eigentlich schon den Kopf?
Und was genau hält mich überhaupt davon ab, ihn in die Arme zu nehmen? Seine Geschwister drückt man doch öfter mal, oder etwa nicht?
Aber was war das?
Das Augenpaar vor mir mustert mich dabei, wie ich mir mit der Hand durch die Haare fahre.
Ich brauch eindeutig Schlaf! Das ist es! Ich gähne genussvoll und strecke mich aus, während ich mich wieder aufrichte. Schön, meine Beine wieder zu spüren. Der Tag ist lang gewesen, ich habe bestimmt mal wieder viel zu lange am Unigedöns gehangen, und einen Fuß zur Tür herausgesetzt, das habe ich nur heute Morgen zum Bäcker für frische Brötchen und für die Vorlesungen, die dann ab der Mittagszeit auch schon wieder ausgefallen sind.
Ein eindeutig muffiger Tag. Ein urplötzlicher Klammergriff um meine Beine und das Anlehnen eines Kopfes gegen meine Bauchgegend. Gleichgewicht, Gleichgewicht…?
Uff, fast wäre ich hin hingefallen. Aufgeregt schaut der Kleine mich gespannt an.
“Nimm mich hoch, nimm mich hoch!”, quengelt er.
Wie könnte man zu diesem Gesicht nur “Nein” sagen?
Ich gebe nach und hebe ihn hoch, seine Arme umklammern meinen Nacken, seine Beine stützen sich auf meiner Taille, während ich ihn mit einer Hand aufstütze und theatralisch seufze. “Ans Fenster!”, jubelt er begeistert und kuschelt sich an meine Schulter. “Wie heißt das Zauberwort?”, erwidere ich. “Bitte!”, höre ich ein lang gezogenes Schmollen hinter mir. “
„So ist’s brav”, gebe ich zufrieden von mir.
Ich trete näher ans Fenster und der halbe Katzenjunge wischt mit seinem Ärmel wieder ein Stück des vollkommen beschlagenen Fensters, um hindurch gucken zu können. Langsam, aber sicher bildet sich außerhalb des Fensters eine dicke Schneeschicht. Ich erkenne ein verworrenes Bild des leisen, stetigen Schneefalls, in dicken Flocken fällt er hinab. “Ach genau!”, fiel es mir wieder ein. “Mhmmm?”, murmelt das Getier in meinen Armen.“
Einige Straßenlaternen in der Ferne beleuchten den Winterabend zu dieser Stunde und ich denke an eine weit entfernt liegende Erinnerung. Wie alt ich damals wohl gewesen bin?
In ihr herrschte auch Schneefall, aber… „Mori, ist was?” Der Kleine versucht, mich seitwärts anzugucken. “Nein, nein. Keine Sorge”, setze ich ihm daraufhin entgegen. “Ich wollte noch sagen: Mit Schnee kannst du dir alles Erdenkliche vorstellen. Du kannst damit Bälle formen und sogar Iglos bauen oder einen Schneemann, Kätzchen. Was immer du nur willst”, entgegne ich und lausche das stetige Heben und Senken meiner Brust.
“Schnee… männer?”, mummelt er halb schon im Schlaf.
Stimmt, damals habe ich bei meinem ersten Schnee Schneemänner kennengelernt.
Naoto stützt bereits seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Es war unheimlich warm geworden im Wohnzimmer. “Wenn du ganz genau hinguckst, haben Schneeflocken eine ganz besondere Form. Und jede sieht anders aus”, setze ich hinzu. “Echt?”, seine Stimme gewinnt an Wachheit. “Ja, echt”, antworte ich. Ich öffne das Fenster und ein kalter Winzug huscht durch den Spalt, weht einige Flocken hinein. Eine Flocke bleibt auf meinem Handrücken liegen und ich tippe dem durch die Kälte wieder ein wenig wacher gewordenen Naoto gegen die Schulter. “Guck mal”, entweicht es mir, einem leisen Flüstern gleich. Als er seine Augen auf die kleine Schneeblume auf meinem Handrücken heftet staunt er, traut seinen Augen kaum. “Woaaah!” Ein begeistertes Raunen. Mit derselben Hand greife ich in den auf der Fensterbank sich absetzenden Schnee, hielt dieselbe Hand ihm entgegen und schlage ihm vor, doch einmal zu pusten. Eine glitzernde Wolke aus Schnee findet seinen Weg in die Weite.
Dann forme ich einen kleinen Ballen mit dem übrigem Schnee am Fenster, setze zwei dreieck-förmige Ohren daran und piekse zwei Augen und ein Näschen in den Ballen.
“Das bist du, Naoto”, erkläre ich ihm. Er scheint wieder ganz wach zu sein und stößt einen Ausruf der Freude aus. Eine Flocke fliegt durchs Fenster hinein und fällt auf Naotos Nase. Er kneift die Augen zusammen. “Kalt”, stellt er fest. “Ich will auch mal!”, ruft er freudig.
“Heute ist zu spät”, verwehre ich ihm seinen Wunsch. “Aber…” – “Kein aber”, setze ich mit nachdrücklichemTon an.
Es war wirklich spät geworden, fast ein Uhr. Ich schließe das Fenster wieder und spüre das beleidigte Zappeln auf meinem Rücken. Ich seufze. “Bis morgen wird bestimmt wieder ganz viel Schnee gefallen sein und dann zeige ich dir, wie man Schneemänner baut – und Schneehasen auch.”
Wo die Wärme ihm wieder langsam in die Glieder schleicht, gähnt der Kleine in meiner Schulter. “Morgen dann aber, versprichst du mir das?”, sagt er mit eindringlicher Stimme. “Ich verspreche”, erwidere ich. Mit leisen Schritten laufe ich an den Beistellschränken vorbei, puste die Teelichter aus. Ein angenehmer Geruch nach Vanille hatte sich im Raum ausgebreitet. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass auch eine Duftkerze dabei gewesen ist, als ich bei der letzten und genau dieser angekommen bin; auch diese puste ich aus.

the end.

Der Blog: http://advent15.tumblr.com/

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